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Illustration Frau / Madame / Signora

Das Potential entdecken, weitere Möglichkeiten aufzeigen

In Genf werden ältere Menschen mit zunehmender Sehbehinderung begleitet

von Marie-Paule Christiaen und Daniel Nicolet*

Die Empfangseinheit des Centre d’Information et de Réadaptation (CIR), eine Dienststelle der Association pour le bien des Aveugles et malvoyants ABA in Genf, stellt älteren sehbehinderten Menschen spezifische Informationen, Eingliederungsmassnahmen und soziale Begleitung zur Verfügung.

2014 wurde eine Studie durchgeführt: 55 unserer neuen Klientinnen und Klienten, die über 85 Jahre alt sind, haben teilgenommen. Aus der Studie geht hervor, dass die Mehrheit von ihnen mehrfach eingeschränkt ist. 37 Personen haben noch andere gesundheitliche Probleme; 22 leiden an einer doppelten sensorischen Einschränkung (Seh- und Hörprobleme). Die Komplexität der gesundheitlichen Einschränkung ist hoch, die Verletzlichkeit der Person ebenfalls.

Die sehbehinderte Person nimmt mit dem Spezialzentrum Kontakt auf. Dies mag gewisse Menschen viel Zeit und Überwindung kosten. So hat zum Beispiel ein Klient erst zwei Jahre, nachdem sein Arzt ihm dazu geraten hatte, den Schritt gewagt. Der Augenarzt oder die Augenärztin übermitteln sein Zeugnis an den CIR zwecks einer genaueren Beurteilung der Sehbehinderung. Dieses Dokument sowie die Ausweiskarte für Reisende mit einer Behinderung und die Bestätigung für die Hilflosenentschädigung werden benötigt, um die Rechte der Person geltend zu machen.

Der Patient oder die Patientin werden zu einem Gespräch in unsere Räumlichkeiten eingeladen. Dies erfordert die Anreise und einiges an Organisation. Ältere Menschen werden oft von einer nahestehenden Person begleitet. Sie haben dabei auch Gelegenheit zu hören, wie sich die Sehbehinderung im Alltag bemerkbar macht. Den Angehörigen wird manchmal dabei erst richtig bewusst, wie erheblich die Behinderung ist. Das kann wiederum förderlich für die folgende Unterstützung sein.

Das Gespräch wird von einem erfahrenen Sozialarbeiter oder einer spezialisierten Ergotherapeutin geleitet. Zweck des Gesprächs ist, die sehbehinderte Person zum Nachdenken anzuregen:  Sie selbst beschreibt „was sie tut“ und „wie sie es tut“ und nennt bei dieser Gelegenheit ihre Haupttätigkeiten.
Im Laufe des Gespräches wird erörtert, wie die Person Zugang zu Informationen erhält, mit ihrer Büroarbeit zurechtkommt, sich zeitlich orientiert oder mit dem Telefon und anderen Kommunikationsmitteln umgeht, wie sie die lebenspraktischen Fertigkeiten beherrscht und sich an bekannten oder unbekannten Orten fortbewegt. Dank dieses recht umfassenden Inventars können einerseits die ausreichend genutzten Fähigkeiten zu Geltung gebracht werden, zum Beispiel durch Anwendung gewisser Strategien, wie Vereinfachung einer Tätigkeit oder Delegation an eine nahestehende Person oder an professionelle Hilfe. Andererseits können Strategien für Fähigkeiten aufgezeigt werden, die der Klient oder die Klientin verbessern möchte. Der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin, die sich um den Empfang kümmert, erklärt ausserdem die verschiedenen Dienstleistungen, welche sehbehinderten Personen zur Verfügung stehen: Dazu gehören Verkehrsmittel, kostenlose Telefonauskünfte, Voicenet, Hörbuchbibliotheken, Grossdruckbücher, Selbsthilfeorganisationen usw. Sie informiert sie über das Angebot an kulturellen Tätigkeiten und Freizeitbeschäftigungen.

Bei dieser ersten Begegnung geht es auch darum, die neuen Klienten und Klientinnen zu beruhigen, ihnen zu helfen, ihr Potential zu entdecken, sowie zahlreiche Möglichkeiten aufzuzeigen, die sie im Rahmen der Wiedereingliederung beanspruchen können. Frau V. zum Beispiel ist nach dem Bescheid ihres Arztes ins CIR gekommen, der besagte, dass man ihre AMD aus medizinischer Sicht nicht verbessern könne. Nach dem ersten Gespräch weiss sie, an wen sie sich gegebenenfalls wenden kann,  wenn sich ihre Situation verschlechtert.

Im Anschluss an das erste Gespräch wird mit den meisten Personen ein Einsatzmandat vereinbart. Das Vorgehen wird jeweils individuell angepasst, sei es auf dem sozialen Gebiet oder auf dem der Wiedereingliederung.

Der Weg, den das CIR den neuen Klienten und Klientinnen vorschlägt, braucht Zeit. Das CIR möchte das erste Anliegen aufnehmen sowie auch anderen Bedürfnissen gerecht werden. Eine seiner Aufgaben ist es, über Dienstleistungen und Rechte zu informieren. Die positiven Feedbacks, unter anderem im Rahmen der jährlichen Zufriedenheitsumfrage, zeigen, dass sich das angewandte Modell ganz besonders im Umgang mit älteren Menschen bewährt.

Literatur

  • Holzschuch C., Mourey F., Manière D., Christiaen MP., Gerson-Thomas M. Lepoivre JP. Paulin M., Creuzot-Garcher C., Pfitzenmeyer P. (2012), Gériatrie et basse-vision, Pratiques interdisciplinaires, Solal, collection ergothérapie, 2. vervollständigte Ausgabe, Marseille
  • Christiaen MP, Nicolet D.: Low Vision-Rehabilitation, Beitrag zur Erhaltung der Lebensgewohnheiten von sehbehinderten älteren Menschen, tactuel, SZB, St.Gallen, Nr. 4-2013, S. 11-13
  • Cardenoso MC., Christiaen MP, Nicolet D., Boîtes à outils des activités de la vie quotidienne, ABA, August 2013.


* Marie-Paule Christiaen ist stellvertretende Leiterin des Informations- und Rehabilitationszentrums des ABA/CIR in Genf; Daniel Nicolet leitet dort den Bereich Ältere Menschen.

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